Utopie

Utopie

Als Kind und Jugendlicher las ich Bücher über die Zukunft. In der Bibliothek und den Schränken meiner Eltern standen Jules Verne, Kir Bulytschow, Georgi Martynow, auch Stanisław Lem und die Brüder Strugazki. Ihr Genre hieß nicht Science Fiction, ich las utopische Bücher. Die Zukunft und Utopie waren eins.

Utopie

Utopie

Vor einigen Jahren befand ich mich in folgender Konstellation: Ich saß mit einem Dichter, der aus Rumänien stammte, und mit einem Dichter, der aus der Ukraine stammte, in einem kleinen Lokal in Dnipropetrovsk. Mag sein, es ist auch meiner post-sozialistischen Herkunft zu verdanken, dass wir uns umrauscht von Wodka und angesichts des Krieges, der in voller Blüte stand (wie nun bald wieder), über die Beschissenheit der Welt wortreich austauschten.

Humor

Humor

Voila. Das ist eine Bühne. Sie funktioniert, wie der Flaschenöffner eines Philosophen, der mit einer Flasche und ohne Öffner ratlos in der Pampa steht. Flaschenöffner und Bühne sind folglich postuliert.

Humor

Humor

Warum sollte ich über die Katastrophe lachen? Ich lache nicht über hungernde Kinder, nicht über Malaria, habe nie über Fukushima gelacht. Warum sollte ich über die Pandemie lachen?

Trost

Trost

Was ist Hoffnung, was Trost. Ich hoffe auf ein Ende der Pandemie, ich hoffe auf einen Impfstoff, ich hoffe, dass ich nicht krankwerde. Ohne dieses Hoffen wäre ich nicht durchgekommen. Mit Trost ist das anders. Trost suche ich, weil etwas passiert ist. Weil ich mich fühle.

Trost

Trost

Mittlerweile müsste ich geübt sein. Eingeübt in den Tod und seine Begleiterscheinungen. Aber es gibt keine Todes-Übung, man kann sich nicht eingewöhnen, so banal, weil menschlich, er auch ist, man kann ihn nicht bagatellisieren, denn ein Mensch ist keine Bagatelle.

Worte

Worte

Bevor ich, bevor wir überhaupt in der Lage waren, diese, unsere Lage zu begreifen, wurde nicht nur eine Debatte über Literatur in solcher Lage angestoßen, sondern zugleich ein Genre erfunden, das wohl als erstes Genre (in der langen Genregeschichte), bereits während der Erfindung wieder Entfunden, vulgo beerdigt wurde: Das Coronatagebuch.

Worte

Worte

Ich suche ein Wort, das die Pandemie beschreibt. Es ist März, ich stehe vor einem Spielplatz. Die Schaukeln, die Rutsche, die Wippe sind mit Absperrband gesichert, sie dürfen nicht benutzt werden. Ich muss meinem Kind erklären, warum das so ist, warum es nicht schaukeln, rutschen, wippen darf. Ich muss meinem dreijährigen Kind die Pandemie erklären.

Klatschen

Klatschen

Ich bin nie auf den Balkon getreten und habe geklatscht. Da war Scham bei dem Gedanken, ich könnte der einzige Klatschende sein und, die größere Furcht, ich würde mich einreihen in das Klatschen Anderer. Müsste ich mich nicht, wenn ich konsequent sein wollte, vor die Supermarktkassen stellen, in die Arztpraxen, neben die Betten in den Pflegeheimen, müsste ich nicht dort klatschen?

Klatschen

Klatschen

Höchst ungern klatsche ich im Kollektiv, ich klatsche äußerst selten und wenn doch, dann ostentativ nachlässig. Ich klatsche mit Hingabe schlampig. Vielleicht ist es das kollektive Einverständnis, diese kurze überschäumende Gemeinschaft, die sich plötzlich kundtut und schnell wieder verschwindet. Oder genauer, ich misstraue diesem offenkundigen Gemeinsinn.